Pressebericht     [Bericht im Tages-Anzeiger vom 14.5.07] Von Jörg Greb, Bern


Die Überraschung des Grand Prix von Bern 2007

Musyoka Schnellste in Kinderschuhen

Die 20-jährige Kenyanerin Helen Musyoka siegte im GP Bern. Sie läuft erst seit einem Jahr Rennen, misst 1,47 m und wiegt 37 kg.

Nur 18 der 9812 Männer, welche die 10-Meilen-Distanz (16,09 km) am GP Bern bewältigten, schafften dies schneller als Hellen Musyoka. 54:27 Minuten benötigte die 20-Jährige aus Kenya. Und damit realisierte die Frauensiegerin trotz hoher Temperatur und Wind eine beacht­liche Marke: die siebtbeste Zeit in der 25-jährigen GP-Geschichte. Vor ihr in der Allzeit-Bestenliste finden sich grosse Namen, etwa Marlene Renders (Bel), Lornah Kiplagat (Ho) oder Katrin Dörre (D).

Der Besuch im Schuhgeschäft
Die Geschichte der unbekannten Hellen Musyoka liest sich, wie sie nur in Afrika geschrieben werden kann. Vor gut zwei Wochen reiste die Newcomerin in einer Gruppe um den aus Uster stammenden und nach Kenya ausgewanderten Peter Pfister erstmals nach Europa. Der Stadtlauf von Luzern (4. Platz) und der GP Bern bildeten den Grund. Wettkampfschuhe für die Strasse führte sie keine mit im Gepäck. Also begab sich Manager Pfister mit ihr ins Fachgeschäft von Ryffel Running in Niederuster. Und alle staunten. Der 1,47 m kleinen und 37 kg leichten Athletin passte Schuhnummer 34, doch die gibt es nicht im Sortiment der Frauen. Gefunden wurde ein passendes Kindermo­dell. Siegschuhe wurden es.

Hellen Musyoka stammt aus dem kenyanischen Hochland. Im Gegensatz aber zum überwiegen­den Teil der grossen Zahl exzellenter Läuferinnen und Läufer nennt sie nicht die Region um Eldoret ihre Herkunft.

Sie stammt aus dem weniger hoch gelegenen Machakos im Osten der Hauptstadt Nairobi. Seit den drei Siegen von Cosmas Ndeti beim legendären Boston Marathon von 1993 bis 1995 hat das Laufvirus auch diese Gegend erfasst. Ein Weg, um aus der Armut herauszufinden, ist auch hier der Hauptantrieb.

Auch bei Hellen Musyoka. Sie läuft in einem Camp, dem rund 20 Läuferinnen und 15 Läufer ange­hören. Ernsthaft begonnen hatte sie erst vor gut einem Jahr. Doch schon in diesem Winter sorgte sie für Furore. An der nationalen Cross-Meisterschaft wurde sie einzig von Gastläuferin Lornah Kiplagat geschlagen – von der mittlerweile zur Cross-Weltmeisterin avancierten ehemaligen Siegerin des GP Bern, die nicht mehr für Kenya, sondern für Holland startet. Die WM im eigenen Land verpasste sie indes wegen Fussproblemen; eine Gegnerin war ihr an den Trials mit den Spikes auf die Ferse getreten. Das führte zu einer Entzündung, nicht zuletzt darum, da sie der Verband gezwungen hatte, fortan in Schuhen zu laufen.

Die Freude an Kugelschreibern
Keine zehn Crossrennen – alle barfuss –, ein Halbmarathon und die beiden Rennen in der Schweiz hat Hellen Musyoka bestritten. Um ein Juwel handelt es sich, da sind sich Beobachter einig. In den nächsten Wochen wird es darum gehen, mittel- und längerfristige Ziele zu stecken. Die African Games und allenfalls die WM stehen zur Disposition. Sie kümmerte dies wenig. Viel­mehr freute sie sich an den zahlreichen Kugelschrei­bern, die im Presseraum nach der Medienkonferenz liegen blieben. Mit ihren Kolleginnen sammelte sie diese zusammen, um sie heimzubringen.


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